Optimierung des Wirkflächendesigns schnelllaufender Folgeverbundwerkzeuge unter Nutzung maschineller Lernalgorithmen

Teilprojekt SPP 2422

Projektübersicht

Principle Investigators:

Prof. Dr. Kristian Kersting
Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Peter Groche

Projektteam:

Antonia Wüst, M.Sc.
Jonas Moske, M.Sc.
Markus Schumann, M.Sc.

Forschungseinrichtungen:

Artificial Intelligence and Machine Learning Lab, TU Darmstadt
Institut für Produktionstechnik und Umformmaschinen, TU
Darmstadt

Halbzeugwerkstoff(e):

DC04

Fertigungsprozesse:

Scherschneiden, Tiefziehen und Abstreckgleitziehen

Kurzfilm zu Teilprojekt 3

02:31

Motivation

  • Identifikation von Korrelationen zwischen FEM- und realen Prozessdaten
  • Entwicklung von Explainable AI als auch Human-In-The-Loop Ansätzen
  • Optimierung des Wirkflächen-Designs schnelllaufender Folgeverbundwerkzeuge

Ziele

Zentrales Ziel des Kooperationsprojektes ist die auf maschinellen und tiefen Lernverfahren beruhende Identifikation nichtlinearer Zusammenhänge zwischen sensorisch und numerisch erfassbaren Prozess- und Zustandsgrößen einerseits und Werkstückmerkmalen andererseits in einem mehrstufigen, schnelllaufenden Umformprozess und eine daraus hervorgehende Ableitung von Optimierungsmaßnahmen für deren Wirkflächen. Bei der Entwicklung von KI-Modellen sollen erstmals multimodale Ansätze erprobt werden, bei denen heterogene, experimentelle als auch simulative Daten fusioniert und als Eingangsgrößen für maschinelle und tiefe Lernverfahren genutzt werden. Identifizierte Zusammenhänge bzw. Sensitivitäten zwischen Bauteileigenschaften und Wirkflächenparametern sollen
im Anschluss genutzt werden, um Wirkflächenparameter zu optimieren. Dabei sollen sowohl XAI- als auch HITL-Ansätze erprobt und genutzt werden, um einerseits domänenspezifisches Wissen in die Modellbildung einfließen zu lassen und
andererseits die Plausibilität erkannter Zusammenhänge zu überprüfen und Scheinkorrelationen auszuschließen. Als mögliche Optimierungsmöglichkeiten hinsichtlich der Wirkflächen werden dabei unter anderem die geometrische Gestalt und Dimensionen des Schneidstempels und der -matrize, die Nutzung verschiedener Dimensionierungen der Blechhaltergeometrie, lokal gehärtete Stempel sowie das Design des tribologischen Systems angesehen.

Visualisierung der verschiedenen Eingangsdaten in ein Multimodales Machine-Learning-Modell zur Erreichung der Projektziele

Arbeitsprogramm

Arbeitspaket

Beschreibung 

AP1

Aufbau einer FEM-Simulation und numerische Datengenerierung

AP2

Anpassung und Inbetriebnahme der Prozesskette

AP3

Wirkflächenvariation und experimentelle Datengenerierung

AP4

Datenvorbereitung und –transformation

AP5

Aufbau von multimodalen Machine Learning Modellen

AP6

Anwendung von Explainable AI Techniken und Validierung erklärender, interaktiver Ansätze

AP7

Korrelations- und interdependenzbasierte Betrachtung von Wirkflächen-, Prozess- und Bauteilzuständen

 

Erwartete Ergebnisse

Das erwartete Ergebnis des Forschungsvorhabens ist die Entwicklung einer auf multimodalen Lernalgorithmen basierenden Identifikation von Korrelationen zwischen sensorisch und numerisch erfassten Prozess- und Zustandsgrößen sowie Produktmerkmalen, die Einführung eines Verfahrens zur Rückkopplung von Wissen aus den ML-Modellen mittels interaktiver Lerntechniken und die darauf aufbauende Optimierung der Wirkflächengestaltung von schnelllaufenden Folgeverbundwerkzeugen.

Bislang erzielte Projektergebnisse (Stand 04/2025)

Im bisherigen Projektverlauf konnten sowohl im Bereich der Fertigungstechnik als auch auf der Seite des Maschinellen Lernens wichtige Fortschritte erzielt werden.

Fertigungstechnik und Simulation:

Auf maschinenbaulicher Seite wurde das Vorschubverhalten des Bandmaterials sowohl in FEM-Simulationen als auch in experimentellen Versuchen detailliert untersucht. Ziel war es, die Übereinstimmung zwischen simulativen und realen Daten zu validieren und relevante Einflussgrößen für nachfolgende Modellierungs- und Optimierungsaufgaben zu identifizieren. Dabei wurden erste Korrelationen zwischen Vorschubdynamik, Werkzeugauslegung und resultierenden Bauteilmerkmalen aufgezeigt. Innerhalb des Projektes wurde ein simulationsgestützter Untersuchungsansatz entwickelt, um die mechanische Eignung der Blechband Anbindung verschiedener Rondenschnitt Geometrien systematisch zu bewerten. Ziel war es, durch Variation definierter geometrischer Parameter die Auswirkung auf das strukturelle Verhalten des Bauteils zu analysieren und daraus fundierte Empfehlungen für die Konstruktion abzuleiten. Zur quantitativen Erfassung dieser Parameter wurde ein vollfaktorieller Versuchsplan umgesetzt, wodurch insgesamt 25 Geometriekombinationen simuliert und ausgewertet wurden. Auf Grundlage der in den Effekt- und Interaktionsdiagrammen erkennbaren Trends wurden drei charakteristische Geometrien mit unterschiedlichen Spannungsniveaus für weiterführende experimentelle Untersuchungen im Projekt ausgewählt. Ziel dieser Auswahl war es, die Bandbreite des geometrischen Einflusses auf das mechanische Verhalten im Detail zu analysieren und zugleich unterschiedliche Auslegungsstrategien vergleichend zu bewerten. Die Abstreckgleitziehstufe wurde für die Integration in ein bestehendes Folgeverbundwerkzeug entwickelt und dient der kontrollierten Umformung eines zuvor tiefgezogenen Napfes. Zur Prozessüberwachung und Qualitätssicherung ist die Abstreckgleitziehstufe mit umfangreicher Sensorik ausgestattet. Die Kombination aus mechanischer Konstruktion und messtechnischer Ausstattung gewährleistet eine präzise, überwachbare und prozesssichere Umformung innerhalb des Folgeverbundwerkzeugs.

Maschinelles Lernen und Explainable AI:

Zur Verbesserung der Zuverlässigkeit tiefenlernender Zeitreihenmodelle wurde das Verfahren Right on Time (RioT) entwickelt. Es adressiert gezielt das Problem sogenannter Clever-Hans-Momente, bei denen Modelle auf irreführende Korrelationen (Confounder) reagieren. Im Rahmen des Projekts wurde hierzu der realitätsnahe Datensatz P2S aus der einer laufenden Produktionslinie aufgenommen und öffentlich bereitgestellt (Link). Die Analysen zeigten, dass insbesondere die Hubgeschwindigkeit als Störfaktor wirkt und die Aufmerksamkeit der Modelle von relevanten Merkmalen in den Kraftverläufen ablenken kann. RioT begegnet dieser Problematik durch interaktive Modellsteuerung sowohl im Zeit als auch im Frequenzbereich, eine bislang einzigartige bidirektionale Rückkopplung, mit der Modelle gezielt von identifizierten Störgrößen weggelenkt werden. Die Untersuchungen zeigen, dass sich Modelle mithilfe von RioT zuverlässig auf relevante Merkmale fokussieren lassen, sowohl im P2S-Datensatz als auch auf gängigen Zeitreihen-Benchmarks. Weitere Untersuchungen zeigen deutlich, dass die Komplexität des verwendeten numerischen Modells einen entscheidenden Einfluss auf die Eignung synthetischer Datensätze für das Training von Machine-Learning-Modellen zur robusten Klassifikation realer Prozessvariationen hat. Insbesondere wird beobachtet, dass einfache Finite-Elemente-Modelle (Level 1) trotz korrekt abgebildeter Grundkraftverläufe wesentliche physikalische Effekte – wie Geometrieänderungen durch Vorprozesse, lokale Verfestigungen und Eigenspannungen – nicht berücksichtigen können. Dies führt zu einem signifikanten "Reality Gap", der sich in einer sehr niedrigen Klassifikationsgenauigkeit (ca. 8 %) der auf solchen Datensätzen trainierten Modelle äußert. Eine Erhöhung der Modellkomplexität (Level 2 und Level 3), führt zu einer deutlich realitätsnäheren Abbildung der Prozessgrößen, was die Übertragbarkeit der synthetisch erzeugten Daten auf reale Prozesse erheblich verbessert. Die Ergebnisse belegen, dass bei geringer Varianz der untersuchten Prozessgrößen eine höhere Modellkomplexität zwingend erforderlich ist, um feine reale Unterschiede robust klassifizieren zu können. Hinsichtlich der Prozessrobustheit wurde untersucht, wie Positionsabweichungen von Blechstreifen in Folgeverbundwerkzeugen beim Tiefziehen die Qualität von Bauteilen beeinflussen und wie man diese durch eine simulationsgetriebene Methode frühzeitig erkennen kann. Die synthetischen Daten wurden mit realen Prozessdaten verknüpft, um mithilfe von maschinellem Lernen Anomalien in den Kraftverläufen zu erkennen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich systematische Zusammenhänge zwischen der Exzentrizität des Streifens und charakteristischen Merkmalen der Kraftsignale identifizieren lassen. Insgesamt bietet der Ansatz eine skalierbare, kosteneffiziente Methode zur Prozessüberwachung, die ohne Eingriffe in die laufende Produktion funktioniert und dadurch zu einer verbesserten Fehlerfrüherkennung und Prozessstabilität beiträgt.

Liste der Publikationen des Teilprojektes Nr. 3

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Peter Groche
Technische Universität Darmstadt
Institut für Produktionstechnik und Umformmaschinen
Otto-Berndt-Straße 2
64287 Darmstadt
E-Mail: peter.groche@ptu.tu-darmstadt.de
Website: https://www.ptu.tu-darmstadt.de/institut_3/index.de.jsp

 

Prof. Dr. Kristian Kersting
Technische Universität Darmstadt
Artificial Intelligence and Machine Learning Lab
Hochschulstrasse 1
64289 Darmstadt
E-Mail: kersting@cs.tu-darmstadt.de
Website: https://www.ml.informatik.tu-darmstadt.de/

Antonia Wüst, M.Sc.
Technische Universität Darmstadt
Artificial Intelligence and Machine Learning Lab
Hochschulstrasse 1
64289 Darmstadt
E-Mail: antonia.wuest@cs.tu-darmstadt.de
Website: https://www.ml.informatik.tu-darmstadt.de/

Jonas Moske, M.Sc.
Technische Universität Darmstadt
Institut für Produktionstechnik und Umformmaschinen
Otto-Berndt-Straße 2
64287 Darmstadt
E-Mail: jonas.moske@ptu.tu-darmstadt.de
Website: https://www.ptu.tu-darmstadt.de/institut_3/index.de.jsp

Markus Schumann, M.Sc.
Technische Universität Darmstadt
Institut für Produktionstechnik und Umformmaschinen
Otto-Berndt-Straße 2
64287 Darmstadt
E-Mail: markus.schumann@ptu.tu-darmstadt.de
Website: https://www.ptu.tu-darmstadt.de/institut_3/index.de.jsp

 

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