Datengestützte Bestimmung und Prognose des Wirkflächenzustandes und –eingriffs bei Fließprozessen vom Band

Teilprojekt SPP 2422

Projektübersicht

Principle Investigators

Prof. Dr.-Ing. habil. Marion Merklein, LFT (FAU)
Prof. Dr.-Ing. Birgit Vogel-Heuser, AIS (TUM)

Projektteam:

Arnold Harms, M.Sc.
Marion Vogel, M.Sc.
Christian Klenk
Josua Höfgen, M.Sc.

Forschungseinrichtungen:

Lehrstuhl für Fertigungstechnologie (LFT), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg;
Lehrstuhl für Automatisierung und Informationssysteme (AIS), Technischen Universität München

Halbzeugwerkstoff(e):

Blech vom Band (DC04, S500MC)

Fertigungsprozesse:

Voll-Rückwärts-Fließpressen und Beschnitt

Kurzfilm zu Teilprojekt 11

00:59

Motivation

  • Werkzeugverschleiß und -ermüdung sind zentrale Ausfallmechanismen bei der Massiv (MU)- und Blechmassivumformung vom Band (BMU)
  • Eine frühzeitige Verschleiß- und Ermüdungserkennung sind notwendig, um Ausschuss und Ressourceneinsatz zu minimieren
  • Prozesse der Umformtechnik verlangen nach datengetriebenen Modellen die durch Integration mit Domänenwissen Erklärung und Prognose der Wirkzusammenhänge liefern

Ziele

Ziel des Projekts ist die Erarbeitung eines datengestützten Assistenzsystems zur Prognose und Erklärung von Werkzeugverschleiß bei Fließpressprozessen vom Band. Im Mittelpunkt steht die Erstellung eines digitalen Informationsmodells in Form eines Cause-Effect-Graphen (CEG), der sowohl datenbasierte Korrelationen als auch expertenbasiertes Kausalwissen zwischen Prozessparametern, Werkzeugzuständen und Produktmerkmalen integriert. Hierzu wird zunächst ein industrierelevanter Referenzprozess aufgebaut, experimentell untersucht und numerisch simuliert. Aus den ermittelten Daten werden relevante Einflussgrößen auf den Werkzeugverschleiß identifiziert, modelliert und validiert. Der resultierende CEG ermöglicht sowohl eine rückblickende Analyse von Verschleißursachen als auch eine vorausschauende Bewertung möglicher Prozessanpassungen. Auf dieser Basis entsteht ein interaktives Assistenzsystem, das als „Verschleißfrühwarnsystem“ dient und das Bedienpersonal bei der Entscheidungsfindung unterstützt. Ziel ist es, durch frühzeitige Eingriffe Ausschuss zu vermeiden, Werkzeugstandzeiten zu verlängern und die Ressourceneffizienz des Umformprozesses signifikant zu steigern.

Geplantes Vorgehen (DOE = Design of Experiments)

Arbeitsprogramm

Arbeitspaket

Beschreibung

AP1

Adaption des Prozesses zur Erweiterung der experimentellen Datenbasis

AP2

Erweiterung des Wissensmodells

AP3

Generalisierung der Prädiktionskette durch Transfer-Learning

AP4

Erarbeitung und Integration eines Assistenzsystems

AP5

Integration des Informationsrückflusses 

Erwartete Gesamtergebnisse

Das Projekt liefert ein datengestütztes Assistenzsystem zur Früherkennung von Werkzeugverschleiß bei Fließpressprozessen vom Band. Bereits entwickelt wurde ein digitaler Cause-Effect-Graph (CEG), der Korrelationen und Kausalitäten zwischen Prozessparametern, Verschleißzuständen und Produktmerkmalen abbildet. Zudem liegt bereits eine erste Kopplung datengetriebener und physikalisch fundierter Modelle vor. Eine vollständig gekoppelte Prädiktionskette liefert fundierte Vorhersagen und ermöglicht erklärbare Handlungsempfehlungen, um Ausschuss zu reduzieren, Prozesse effizienter zu gestalten und die Standzeit von Werkzeugen zu erhöhen. Das Assistenzsystem ist darüber hinaus auf weitere Umformprozesse und Geometrien übertragbar.

Bisherige Projektergebnisse

Im Rahmen des Projekts wurden zunächst experimentelle und simulative Voraussetzungen zur Untersuchung des Rückwärtsfließpressprozesses (RFP) einer rotationssymmetrischen Geometrie vom Band geschaffen. Dafür wurde zunächst der Werkstoff charakterisiert sowie der Prozess numerisch ausgelegt. Dauerlaufuntersuchungen an der Schnellläuferpresse ermöglichen die Analyse von Prozesskraft-, Temperatur- und Wegsignalen sowie die Identifikation des auftretenden Prozessrauschens. In einer in- und offline Erfassung der Prozess‑, Werkzeug- und Werkstückdaten sowie deren Synthese mit numerisch ermittelten Ergebnissen wurden diese Daten analysiert. Das Datenerfassungssystem besteht aus Sensoren, die in das Werkzeug integriert werden sowie State-of-the-Art Kamerasystemen. Letztere erheben Bauteilbilddaten aus mehreren Perspektiven im laufenden Prozess und ermöglichen damit unmittelbare Informationen über die Produktqualität. In der bildbasierten Datenerfassung und -analyse wurden Modelle der YOLO-Familie erfolgreich eingesetzt, um beispielsweise Werkstückradien automatisiert zu bestimmen. Das Training von Auto-Encoder Modellen erlaubt ebenfalls eine Identifikation von Werkstücken mit Qualitätsabweichungen.

Zur Strukturierung und Dokumentation von Expertenwissen sowie zur Identifikation kausaler Zusammenhänge im Prozessverlauf wurde ein RDF-basierter Wissensgraph entwickelt. Durch eine Web-basierte, interaktive Visualisierung ist diese Wissensbasis allen Projektbeteiligten einfach zugänglich. Im Rahmen mehrerer Workshops wurde der Wissensgraph im Austausch mit Domänenexperten erhoben und liefert nun einen wichtigen Rahmen für die Erforschung von ML-Modellen, die Prozesscharakteristika quantifizieren. Hierdurch konnte ein erklärbares Prozessmodell erstellt werden, das frühzeitig die Interpretation der Erkenntnisse aus der Prozessdatenanalyse unterstützt.

Damit wurde die versuchstechnische Voraussetzung für den vollständigen Aufbau einer Datenpipeline aus umformtechnischer und automatisierungstechnischer Sicht geschaffen. Auf Basis des Wissensgraphen wurde ein als Ontologie formalisiertes Informationsmodell geschaffen. Die erfassten Sensor- und Bilddaten können so in Echtzeit als Prozessinformationen gespeichert werden, was in einer cloudbasierten Datenhaltung in HDF5 erfolgt. Als gemeinsames Beschreibungsmittel für die Datenpipeline wurde zur vereinfachten Kommunikation zwischen Umformtechnik und Automation und als Schnittstelle zum Data Mining/Machine Learning die Domain Specific Language (DSL4DPiFS) eingeführt.

In den Dauerlaufprozessen wurden Verschleiß, aber auch Ermüdung als dominierendes Versagenskriterium auf Grundlage des Stempelwerkstoffes ASP2023 und C45 identifiziert und deren Entstehungsursache analysiert. Abbildung 2 stellt die Kombination aus Simulation und dem experimentellen Dauerlaufprozess in einem Wissensgraphen/CEG dar.

Ausblick auf die zweite Förderperiode:

Basierend auf dem in FÖP1 erarbeiteten Wissensgraphen sollen diese Bausteine in der zweiten Förderperiode zu einer erweiterten Kausalgraph-Modellstruktur sowie einem erklärbaren Assistenzsystem mit integriertem Frühwarnsystem weiterentwickelt werden. Hierfür wird eine zweistufige Prozesskette, bestehend aus einem Rückwärtsfließpressen und einem Scherschneidprozess mit nicht‑rotationssymmetrischer Geometrie verwendet. Ziel ist es, zentrale Herausforderungen der datengetriebenen Umformtechnik, wie Prozessrauschen, Transferierbarkeit und die Vorhersage von Wirkflächenzuständen zu adressieren sowie einen Informationsrückfluss zu integrieren. Durch Transfer-Learning-Ansätze werden Modelle auf neue, komplizierte Geometrien übertragen. Zudem werden experimentelle Ermüdungsversuche durchgeführt, um die Werkzeuglebensdauer zu analysieren und diese zusätzlichen Daten in den Wissensgraphen zu integrieren. Durch die Kopplung der datengetriebenen Verfahren mit Simulationsmodellen und experimentellen Ergebnissen soll das Assistenzsystem den Verschleiß und die Ermüdung nicht nur frühzeitig erkennen, sondern auch konkrete Maßnahmen zu deren Prävention ableiten.

Projektablauf

Liste der Publikationen des Teilprojektes Nr. 11

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. habil. Marion Merklein
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Fertigungstechnologie
Egerlandstraße 13
91058 Erlangen
E-Mail: marion.merklein@fau.de
Website: https://www.lft.fau.de/

Prof. Dr.-Ing. Birgit Vogel-Heuser
Technische Universität München
Lehrstuhl für Automatisierung und Informationssysteme
Boltzmannstr.15
85748 Garching bei München
E-Mail: vogel-heuser@tum.de
Website: https://www.mec.ed.tum.de/ais/startseite/

 

Arnold Harms, M.Sc.
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Fertigungstechnologie
Egerlandstraße 11
91058 Erlangen
E-Mail: arnold.harms@fau.de
Website: https://www.lft.fau.de/

Marion Vogel, M.Sc.
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Fertigungstechnologie
Egerlandstraße 11
91058 Erlangen
E-Mail: marion.vogel@fau.de
Website: https://www.lft.fau.de/

Miriam Leicht, M.Sc.
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Lehrstuhl für Fertigungstechnologie
Egerlandstraße 11
91058 Erlangen
E-Mail: miriam.leicht@fau.de
Website: https://www.lft.fau.de/

Marius Krüger, M.Sc.
Technische Universität München
Lehrstuhl für Automatisierung und Informationssysteme
Boltzmannstr.15
85748 Garching bei München
E-Mail: marius.krueger@tum.de
Website: https://www.mec.ed.tum.de/ais/startseite/

Josua Höfgen, M.Sc.
Technische Universität München
Lehrstuhl für Automatisierung und Informationssysteme
Boltzmannstr.15
85748 Garching bei München
E-Mail: josua.hoefgen@tum.de
Website: https://www.mec.ed.tum.de/ais/startseite/

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